korrigieren_drei

gestern haben Sie gesagt … und heute sagen Sie, wir sollen … sagten einige schüler, und dann stimmten alle ein, und alle wiederholten meine widersprüchlichkeit. Sie haben aber gesagt… ja, sagte ich, das ist der stoff für unsere stunde jetzt. das korrigieren. das wegschneiden, herausreissen, verschieben, ins nie geschriebene löschen, es vergessen zu wollen, das neue zulassen, das alles bisherige unmöglich macht, um trotzdem alles bisherige nicht wegzuwerfen, sondern es zu … kurieren, obwohl wir glaubten, wir hätten ganz nah zu unserem schreiberherz geschrieben. korrigieren heisst, dass wir nüchtern aufwachen und uns für dies und das, was wir geschrieben haben, uns schämen oder wir ganz genau spüren, dass dies und das zu entfernt ist von unserem schreiberherz. korrigieren heisst, diese fehlgehenden stellen treffender zu füllen, und doch in der gewissheit, den ursprünglichen impuls des gefühls, als wir schrieben, nicht mehr aufzufinden. das ist schmerz. korrigieren tut weh, weil es nicht in ordnung bringt, nicht heilt, aber uns durch die notdüftig reparierten stellen erlaubt, weiter zu schreiben. das ist ein mist, sagt der schüler x, ich will meinen aufsatz gern haben, und wenn ich etwas in ihm finde, was mich stört und ich mich schäme, dann schreibe ich was neues, anderes. ja, sagte ich, das geht nur dann, wenn du mit dem, was du hättest wirklich schreiben wollen und du dich schämtest, du tatsächlich etwas neues, ganz anderes wirklich zu sagen haben fühlst. ich möchte fast alles korrigieren, sagt selma, aber sie weint kurz, weil sie weiss, dass einige sätze dazwischen wahr sind, und der unkorrigierte zwischenraum unwichtig ist. dann, sage ich, wird aus solchen texten gedichte, sie lassen die leerstellen leer und zeigen nur das unkontrollierte schreiberherz.

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